Die kleine Kammer hat sich im März für den Aufbau einer souveränen digitalen Infrastruktur ausgesprochen, Cloud-Dienst inklusive. Das ist ein richtiges Signal. Es beantwortet allerdings nicht die Frage, die jede einzelne Institution beschäftigt: Woran merke ich, ob ich souverän bin?
Souveränität ist kein Ort
Die gängige Kurzform lautet «die Daten liegen in der Schweiz». Ein Rechenzentrum in Zürich, betrieben von einer Tochtergesellschaft, die dem Recht eines anderen Staates untersteht, mit einem Sprachmodell, das jederzeit abgekündigt werden kann, und einer Software, deren Konfiguration Ihnen nicht gehört: Das ist ein Standort, keine Souveränität.
Brauchbarer ist eine Frage, die man im Alltag beantworten kann: Welche Entscheidungen kann ich selbst umlegen, ohne die Zustimmung eines anderen zu brauchen?
Ein Rechenzentrum in Zürich, betrieben von einer Gesellschaft unter fremdem Recht, mit einem Modell, das jederzeit abgekündigt werden kann: Das ist ein Standort, keine Souveränität.
Die vier Schalter
- Der Datenschalter. Kann ich meinen gesamten Bestand, inklusive Suchindex und Protokollen, jederzeit vollständig herausziehen, in einem lesbaren Format?
- Der Modellschalter. Kann ich das Sprachmodell hinter einer Aufgabe wechseln, ohne die Anwendung neu zu bauen? Und gibt es für jede Aufgabe mindestens einen Ersatz, der im Land läuft?
- Der Betriebsschalter. Kann die Anwendung auch dort betrieben werden, wo ich es will, und weiss ich, was der Wechsel kosten würde?
- Der Wissensschalter. Verstehen Leute in meinem Haus, wie das System arbeitet, oder ist das Wissen vollständig beim Lieferanten?
Wer alle vier mit Ja beantwortet, ist souverän, auch wenn ausländische Anbieter im Spiel sind. Wer drei davon mit Nein beantwortet, ist es nicht, auch wenn alles in der Schweiz steht.
Für die öffentliche Hand wiegt es schwerer
Eine Verwaltung kann nicht kurzfristig den Anbieter wechseln, wenn Fristen laufen, Verfügungen hängen und Akten geführt werden müssen. Ihre Abhängigkeit ist deshalb teurer als die eines Unternehmens, und sie ist politisch nicht neutral: Wer über die Verfügbarkeit einer Verwaltungsanwendung entscheidet, entscheidet über die Handlungsfähigkeit eines Gemeinwesens mit.
Zwei Dinge sind sofort machbar
Bis eine nationale Infrastruktur steht, vergehen Jahre. Zwei Dinge sind sofort machbar und kosten wenig: erstens in jedem laufenden Vertrag nachlesen, was beim Ausstieg passiert und in welchem Format Daten herausgegeben werden. Zweitens bei jeder neuen Beschaffung die vier Schalter als Anforderung formulieren statt als Wunsch. Ein Anbieter, der den Modellwechsel nicht zusichern kann, sagt damit etwas über seine Bauweise aus.
Fazit: Handlungsfähigkeit schlägt Standort
Ein souveräner Rechenzentrumsstandort ist nützlich, aber er ersetzt keine Bauweise, in der man die Dinge selbst umstellen kann. Die politische Debatte wird über Infrastruktur geführt. Entschieden wird sie in Beschaffungsunterlagen.