Im Tessin läuft seit diesem Monat eine Übersetzungslösung der Kantonsverwaltung, die auf dem in der Schweiz entwickelten offenen Sprachmodell aufsetzt. Das ist die erste behördliche Anwendung dieser Art, und sie ist aus einem unspektakulären Grund interessant: Übersetzen ist die Aufgabe, bei der sich Sprachmodelle am schwersten verstecken können.
Übersetzen verzeiht nichts
Bei einer Zusammenfassung merkt niemand sofort, wenn ein Modell ungenau war. Bei einer Übersetzung merkt es die Leserin in der Zielsprache innerhalb von zwei Sätzen.
Amtstexte verschärfen das, weil Begriffe fest sind: Eine Verfügung ist keine Mitteilung, ein Einspruch ist kein Einwand, und wer im Italienischen den falschen Rechtsbegriff wählt, erzeugt eine andere Rechtslage.
Der Vorsprung eines Modells aus dem Land
Die grossen internationalen Modelle übersetzen hervorragend zwischen Weltsprachen. Sie kennen aber das italienische Amtsdeutsch der Schweiz schlechter als das Italienische Italiens, und sie kennen die föderalen Eigenheiten kaum: kantonale Ämterbezeichnungen, Erlassformen, Abschlüsse der Berufsbildung. Ein Modell, das auf Schweizer Material trainiert und im Land betrieben wird, hat bei genau diesen Begriffen die besseren Karten. Dazu kommt der zweite, schlichtere Grund: Amtstexte enthalten häufig Namen von Betroffenen, und die verlassen so das Land gar nicht erst.
Drei Dinge bleiben, Modell hin oder her
Drei Dinge bleiben unabhängig vom Modell:
- Eine verbindliche Terminologieliste. Ohne festgelegte Entsprechungen übersetzt jedes Modell konsistent falsch statt zufällig falsch.
- Das Gegenlesen durch eine Fachperson. Rechtswirksame Texte gehen nicht ohne menschliche Freigabe hinaus, egal wie gut der Entwurf ist.
- Die Nachvollziehbarkeit. Welche Fassung wurde wann von wem freigegeben. Bei mehrsprachigen Erlassen ist das keine Formalie, sondern die Grundlage jeder späteren Auslegung.
Der eigentliche Fortschritt liegt woanders
Bemerkenswert an diesem Fall ist weniger die Übersetzungsqualität als die Tatsache, dass eine Verwaltung ein offenes Modell selbst betreibt. Damit ist sie nicht an die Preisliste, die Verfügbarkeit und die Nutzungsbedingungen eines Anbieters gebunden. Sie hat dafür den Aufwand am Hals, den Betrieb selbst sicherzustellen. Das ist ein Tausch, und er lohnt sich nicht für jede Aufgabe. Für eine Daueraufgabe mit gleichbleibendem Muster und heiklen Inhalten lohnt er sich fast immer.
Die vierte Landessprache und die gesprochene Wirklichkeit
Die zweite Bewährungsprobe für ein Schweizer Modell ist das Rätoromanische, das in offenen Datenbeständen kaum vorkommt und von internationalen Modellen entsprechend schlecht beherrscht wird. Hier zeigt sich der Wert eines Trainings, das die Schweiz nicht als Randnotiz behandelt. Ähnlich steht es mit der gesprochenen Wirklichkeit: Wer eine Anfrage am Telefon in Mundart entgegennimmt und als hochdeutschen Vermerk ablegen will, braucht ein Modell, das beide Enden kennt.
Fazit: Ein Anwendungsfall schlägt zehn Absichtserklärungen
Über Souveränität wird viel geschrieben. Eine Verwaltung, die eine alltägliche Aufgabe auf ein Modell im eigenen Land legt und damit arbeitet, sagt mehr darüber aus, was praktisch möglich ist, als jedes Grundsatzpapier.